Hoyerswerda 1991

Dreißig Jahre – Thirty Years

#66, Hoyerswerda 1991,

#66, Hoyerswerda 1991
Öl auf Holz, 102 x 140 cm, 1993

 

 

 

 

 

Dreißig Jahre sind die Ereignisse in Hoyerswerda und Lichtenhagen nun her, die diesem Kunstwerk zugrunde liegen. Die aktuelle Berichterstattung darüber hat es mich wieder hervorholen lassen.

Ich bin froh, dass es ein öffentliches Erinnern an die Ereignisse der Zeit gibt, gleichzeitig aber auch fast so erschreckt wie damals, als die Berichte durch die Medien gingen.
Nicht nur, dass eine Gruppe von Neonazis mit Gewalt gegen ausländische Bewohner eines Wohnheims vorgingen, sondern Teile der bürgerlichen Bevölkerung schauten zu, klatschten teils sogar Beifall, ließen die Täter gewähren und die Polizei schritt bestenfalls spät ein.

Am Ende wurden die Opfer von der Polizei weggebracht. Der Staat hatte für alle sichtbar versagt und die Täter triumphierten. Im Netz findet sich zahlreiches Material aus seriösen Quellen dazu, auch über die wenig erfolgreiche juristische Aufarbeitung. Ich spare mir daher hier die Details.

Thirty years have passed since the events in Hoyerswerda and Lichtenhagen on which this work of art is based. The current reporting on it made me pull it out again.

I am glad that there is a public reminder of the events of the time, but at the same time almost as frightened as when the reports went through the media.

Not only did a group of neo-Nazis use violence against foreign residents of a dormitory, but parts of the middle-class population watched, sometimes even applauded or let the perpetrators have their way. The police intervened late, at best.

 

In the end, it was the victims who were brought away by the police. For all to see, the state had failed and the perpetrators triumphed. There is a lot of material from reputable sources on the internet, including information about the less than successful legal appraisal. So, it is unnecessary to go into details here.

 

 

 

#66, Hoyerswerda 1991, Ausschnitte: Herd

 

 

Hoyerswerda hat sich deutlich Mühe gegeben, seine traurige Berühmtheit aufzuarbeiten. Auch hierzu finden sich gute Beispiele im Netz.
Ein Startpunkt für einen Überblick könnte der Wikipedia-Artikel dazu sein:
https://de.wikipedia.org/wiki/Ausschreitungen_in_Hoyerswerda

Das umfangreiche Bildmaterial zu den Ereignissen hat mich nicht losgelassen. Besonders ein Foto des Fotografen Bernd Weißflog hat sich bei mir festgesetzt. In diesem Artikel der Lausitzer Rundschau ist es wieder zu sehen:
https://www.lr-online.de/lausitz/hoyerswerda/auslaenderfeindliche-krawalle-von-1991-so-begeht-hoyerswerda-den-schwierigen-jahrestag-59523211.html

Es ist sehr eindrücklich. Trotzdem fehlte mir der Aspekt, dass zu dem Bild nicht nur die Opfer, sondern auch ihr Kontext gehören. Die Vorgänge stellen auch einen Einbruch in das Selbstbild von einem Bürgertum in einer freien Gesellschaft dar. Diese Überzeugungen haben es nicht ermöglicht, gegen das unglaubliche Unrecht vorzugehen.

Die Frage, wo denn die gesellschaftlichen Mehrheiten liegen, war plötzlich offen.

Hoyerswerda itself has clearly made an effort to come to terms with its notoriety. Here too, we can find more information on the Internet. A starting point for an overview could be the Wikipedia article on this:

https://de.wikipedia.org/wiki/Ausschreitungen_in_Hoyerswerda

I was amazed by the press images of the events. A photo by the photographer Bernd Weißflog in particular struck me. In this article of the Lausitzer Rundschau it can be found again:

https://www.lr-online.de/lausitz/hoyerswerda/auslaenderfeindliche-krawalle-von-1991-so-begeht-hoyerswerda-den-schwierigen-jahrestag-59523211.html

It’s very impressive. Nevertheless, I missed the aspect that not only the victims belong into the picture, but also their context. The events represent a breakdown of the self-image of a citizenship in a free society. These convictions have not prevented the unbelievable injustice.

The question of where the social majorities actually lie was suddenly open.

 

#66, Hoyerswerda 1991, Ausschnitt Mitte mit Gesicht

 

Die Antwort scheint immer noch nicht klar genug, denn wir verzeichnen seitdem mit erschütternder Regelmäßigkeit politisch begründete Angriffe auf Mitmenschen anderer Hautfarbe, anderen Glaubens, anderer Überzeugungen. Das Attentat von Halle und die NSU-Morde, deren Stellenwert der Staat lange verdrängt hat, sind nur zwei von sehr vielen Beispielen.

Die Einschätzung, dass es sich immer nur ein paar extreme, ein paar Verirrte handelt ist lange nicht mehr glaubhaft, wenn die Sicherheit des Einzelnen gefährdet ist. Statt Verdrängung wäre einen aktive Aufarbeitung angesagt. Die Auseinandersetzung mit dem, was hier in den Menschen wirkt, kennt kein Ende, sondern sie ist wohl doch eine Daueraufgabe, der sich eine demokratische Gemeinschaft stellen muss, will sie nicht ihre Daseinsberechtigung in Frage stellen.

The answer still does not seem clear enough, because since then we have experienced politically justified attacks on people of other skin colour, other beliefs or other convictions with shocking regularity. The assassination attempt in Halle and the NSU murders, the relevance of which the state has long ignored, are just two of many examples.

The assessment that there are always only a few extreme, a few stray people is long lost ist credibility. It puts the safety of the individual at risk. Instead of evasion, active processing must be the order of the day. It seems to be a permanent task for a democratic community which it has to face if it does not want to question its raison d‘être.

 

#66, Hoyerswerda 1991, seitliche Sicht, Ausschnitt

 

 

 

Bei meinem Bildobjekt handelt es sich um ein mehrschichtiges Relief aus Holz, das ein Fenster mit zerbrochenen Scheiben zeigt. Diese sind von einem Rahmen und einer Fensterbank eingefasst. Im Zentrum hinter der Scheibe ist angedeutet ein Lockenkopf zu sehen.

Das Relief ist grundiert und in Ölfarbe bemalt. Das Gemälde zeigt einen Blick in eine Küche. Die Einrichtung und der Blick aus dem Fenster im Hintergrund ordnet die Situation als wahrscheinlich typisch für eine Wohnung in einem Mehrfamilienhaus seiner Zeit ein. Sie könnte aus einem Möbelprospekt der Zeit in der Zeitungsbeilage stammen. Die Verhältnisse sind einfach, aber sauber und ordentlich.

My artwork consists of a multilayered relief made of wood showing a window with broken panes. These are framed in the form of a window frame and sill. A head with curly hair can be seen in the center behind the pane.

The relief is primed and painted in oil. The motif  shows a view into a kitchen. The furnishings and the view out of the window in the background classify the situation as probably typical of a flat  in an apartment building of its time. It could come from a contemporary furniture brochure or a newspaper insert. The conditions are simple, but clean and tidy.

 

#66, Hoyerswerda 1991, seitliche Ansicht

Der Kontrast zwischen dem schlichten und harmlosen Thema der Malerei, das am Ende vielleicht sogar etwas langweilig wirkt, und der auf der Reliefebene implizierten Gewalt beschreibt und verschränkt scheinbar Gegensätze. Aber offensichtlich sind sie beide Teile der menschlichen Natur. Mit dieser Spannung wirkungsvoll umzugehen und sich in einer wirklich freien und offenen Gesellschaft zu arrangieren, scheint eine noch zu lösende Aufgabe zu sein.

The contrast between the simple and inoffensive topic of the painting, which might eventually even look a bit boring, and the violence implied on the level of the relief describes and intertwines elements which seem to be opposites.  But obviously they are both parts of human nature.

To deal with this tension effectively and come to terms with it in a society which is truly free and open seems a task that yet need be solved.